2. Geschichte der Sammlung

Alles fing 1994 an. Auf einer Reise an den Chiemsee machten wir in Landshut Station. Dort sah Beate einen 3x4-Setzkasten und einen normalen Andenken-Fingerhut mit dem Landshuter Wappen. Das wars. Ende. Aus. Sie war infiziert mit dem Digitalis-Virus - und zwar einem der ganz schlimmen Art. Unheilbar. Und überhaupt.

Zunächst blieb das Ganze überschaubar und es dauerte viele Monate, bevor sich der erste kleine Setzkasten füllte. Doch dann uferte die Sache plötzlich aus - jeder unserer Freunde und viele Bekannte brachten aus dem Urlaub als Souvenir einen Fingerhut mit. Diese bilden heute einen großen Teil der Sammlung, den touristischen Teil. Und wenn Beate ihre Fingerhüte archiviert, dann bleibt auf dem Tisch kein Zentimeter mehr Platz (Foto).

Schritt für Schritt vertiefte Beate ihr Wissen um die kleinen Schätzchen. Schließlich stellte sie fest, dass es nichts gibt, was es nicht auch auf Fingerhüten gibt. Werbung für Waschpulver und Nähseide, Porträts der amerikanischen Präsidenten und der königlich-englischen Familie, die verschiedensten Materialien von Holz oder Schlangenhaut über echtes Mammut-Elfenbein bis hin zu Gold und Platin, teilweise mit kostbaren Steinen besetzt. So gibt es eine Kulturgeschichte des Fingerhutes als Gebrauchsgegenstand ebenso wie eine wahre Kunst der Fingerhütner - so heißen die Burschen tatsächlich.

Schwierig also, Fingerhüte voneinander abzugrenzen. Man kann nach Materialien ebenso sammeln wie nach Motiven oder Herstellungsverfahren. Man kann Ländersammlungen oder Wappensammlungen einrichten.

Zu Klaus' Leidwesen - weil er ein echter Systematiker ist - sammelt Beate fast alles. Aber immerhin ordnet sie die kleinen Dinger, das wollen wir ihr zugute halten. Und so ein ganz, ganz kleines bisschen sammelt der Klaus ja schon längst mit - immer in Angst, er könnte damit seinem Image schaden und ein wenig tantenhaft werden. Aber Fahrrad-Motive oder schnuckelige Autos oder Zeitungswerbung auf Fingerhüten - sind das nicht durchaus lohnenswerte Sammelgebiete?

Naja, schließlich haben wir irgendwann Creglingen gefunden. Das ist ein nettes kleines Provinzstädtchen in Baden-Württemberg, in dem man noch bayerisch-fränkisch spricht und das für zwei Dinge berühmt ist: Den sagenhafte elf Meter hohen Riemenschneider-Altar in der Herrgottskirche (Foto) und das Fingerhutmuseum gleich gegenüber.

Dort verschlimmerte sich Beates Krankheit erheblich. Man stelle sich vor: Schon im Fingerhut-Shop vor dem Museum drehen sich in einem großen Schaufenster Etagéren mit Dutzende, nein, Hunderte von Fingerhüten. Keiner gleicht dem anderen. Sie unterscheiden sich in Farbe und Größe, Material und Motiv. Und das Beste: Für einen Sammler sind sie eigentlich alle erschwinglich. Also nicht alle auf einmal. Aber einer oder zwei oder drei. Na gut, vier gehen auch noch - aber da drüben der hübsche, mit dem eingeschliffenen goldenen Ornament. Es ist doch Urlaub. Na also.

Der aufmerksame Besucher entdeckt im Schaufenster freilich auch die Kontaktadresse eines Vereins mit einem gar seltsamen Namen: Freunde des Fingerhuts e.V.

Aber gut, erst einmal ins Museum. Natürlich ist das Fotografieren hier unerwünscht. Aber erst einmal verblitzt man sich ohnehin die Augen. Über 3000 Fingerhüte sind hier versammelt.

In einem Prospekt lesen wir: "In anschaulicher Weise werden Fingerhüte und Nähutensilien aus allen Erdteilen; vom Altertum bis zur Neuzeit, gezeigt. Vom einfachsten Gebrauchs- bis zum wertvollen Zierfingerhut, in vielfältigsten Formen und unterschiedlichsten Materialien, wird für den Betrachter eine eigene Welt offenbart."

Das trifft es ziemlich genau. Der Besucher findet einen kulturgeschichtlichen Abriss der Geschichte des Fingerhutes anhand von sparsamen Schautafeln und überraschend vielfältigen Schauobjekten - meist natürlich Fingerhüten. Da findet man die wichtigsten Porzellanmanufakturen der Welt wie Wedgwood, Birchcroft, Herend, Seltmann oder Meißen mit ihren oft kostbaren Sammelserien, da findet man eindrucksvolle Arbeiten aus schwarzem Toledo-Stahl mit Brillant-Einlagen. Besonders beeindrucken auch die Nähutensilien - Elfenbein, Samt und Gold sind da in kleinen Köfferchen und Kästchen verstaut. Das Ganze sieht eher aus wie aus einer Schatzkammer eines Königshauses. Auch Nicht-Sammler werden schwer beeindruckt aus diesem Museum gehen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das Museum in Privatinitiative entstand und bis heute von der Familie des Goldschmieds und Fingerhütners Thorvald Greif betrieben wird. Das erklärt so manches sonst unverständliche Detail - so die Unterbringung in einem inzwischen viel zu engen Kellerraum. Einen Besuch können wir jedem wärmstens empfehlen, der mal im Taubertal ist.

Es dauerte nicht mehr lange und Beate wurde Mitglied des Vereins "Freunde des Fingerhutes". Der Verein hat knapp 400 Mitglieder in vielen Staaten. Die meisten kommen aus

Deutschland, die Holländer stellen die zweitstärkste Fraktion, Mitglieder gibt es aber auch in den USA und in Japan. Einmal jährlich treffen sie sich zur Tauschbörse und Hauptversammlung in Creglingen, ein Herbstbesuch führt sie zu fingerhut-relevanten Zielen - in deutsche Porzellanmanufakturen, auf die Spuren der Wiener Firmen Steinböck und Gabler, selbst bis nach Petersburg ging es inzwischen. Die Rolle von Klaus' (er ist immerhin "Familienmitglied") bei den Treffen reduziert sich auf die des Chauffeurs und Fotografen.

fingerhut beate 50Der erste eigene Fingerhut in 30er Auflage entstand 2004.Höhepunke der ersten zehn Jahre Sammlerlebens waren das mühsame Zusammentragen der ersten Stücke der Sammlung, waren die Besuche in Creglingen und in diversen Porzellanfabriken. Nach zehn Jahren ließ Klaus von dem Creglinger Goldschmied und Fingerhütner Thorwald Greif einen Fingerhut als Einzelstück in massivem Silber herstellen - als Geschenk zu Beates Geburtstag. Ebenfalls 2004 kamen wir auf die Idee, einen eigenen Fingerhut herstellen zu lassen: Die "Weimar-Porzellan"-Werke in Blankenhain missachteten zwar jeden Kostenvoranschlag und erwiesen sich als sehr unfreundliche Geschäftspartner, so dass wir uns im Streit trennten; dennoch entstand ein kleiner, auf 30 Stück limitierter Fingerhut, den wir selbst verschenkten: An all die, die uns aus ihren Urlauben regelmäßig mit den kleinen Kostbarkeiten versorgten. Sie hatten es sich verdient.

Während unserer Urlaubstour 2004 entdeckten wir auf der ukrainischen Halbinsel Krim unsere Schwäche für russische Lackmalerei (Palekh-Painting) und eine weitere kleine Spezialsammlung erhielt ihren Grundstock.

Am 1. Juni 2008 gab es eine weitere Zäsur in unserem Sammlerleben: Wir kauften vom Düsseldorfer Andreas Vogt den Nachlass seiner Mutter Leni Müller - eine Sammlung von weit über 100 alten und antiken Fingerhüten. Vogts und Jägers tasteten sich unsicher an diesen Schritt heran, für beide war es schließlich Neuland. Dass am Ende alle zufrieden waren, lag auf der einen Seite an der schönen Erweiterung der Sammlung, auf der anderen Seite an der Gewissheit, die Sammlung der Mutter nun in guten Händen zu wissen.

Anfang 2009 wurde der umfangreiche Nachlass einer Wirkwarenhändlerin von einem österreichischen Antiquitätenhändler versteigert. Es handelte sich ausnahmslos um Fingerhüte der Firma Settmacher. Grund genug, eine kleine Spezialsammlung zu beginnen.

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