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Gesamte Stimmen: 10
Die Umfrage wurde beendet ein: 07 Sep 2013 - 00:00

Vorwort

Ich fotografiere seit 1972. Ich weiß, das ist eine ziemlich lange Zeit. Und weil sie ganz banal begonnen hat, nämlich einfach damit, dass ein kleiner Junge von seinen Eltern eine simple "Knipse" geschenkt bekam, und weil sie ziemlich banal endet, nämlich damit, dass ich heute als Redakteur einer Tageszeitung berufsmäßig mit der Kamera umgehe und doch Amateur in des Wortes wahrstem Sinne geblieben bin, ist sie gar nicht so einfach zu erzählen. Dazwischen liegen Perioden, in denen ich beinahe zum Künstler wurde und Perioden, in denen ich fast gar nicht mehr fotografierte. Außerdem unterscheidet sich die Fotografie, wie man sie in den siebziger und achtziger Jahren betrieb, grundsätzlich von dem Medium Fotografie, wie man es heute kennt. Wo also beginnen, wie ordnen? Ich will meine fotografische Geschichte in Bildern und Worten erzählen, und ich wähle dafür die "amerikanische Buchung" - nach einer tabellarischen Kurzfassung steht das Aktuelle ganz oben. Wer sich also wirklich dafür interessiert, wie der kleine Klaus seine erste "Certo SL 100" in den Händen hielt, der muss sich halt durch den Wust hier bis nach unten durchscrollen.

Fotografische Vita

1972: Ich bekam meine erste Kamera geschenkt.
1976: Beginn ernsthafter Beschäftigung mit dem Hobby
1977: Erste Schritte in der Dunkelkammer
1979: Erste Ausstellungsbeteiligungen
ab 1980: Beschäftigung mit der Fotografie als Kunst, auch in der Theorie
1981: Erster internationaler Ausstellungserfolg mit einem Porträt ("Das Modell", Riga)
1982-1989: Schwerpunkte Porträt, Landschaft, Akt, Reportage; viele Ausstellungsbeteiligungen
1988: Ehrennadel für Fotografie in Bronze
1989: als einer von drei DDR-Fotografen bei der "Venus '89", dem polnischen Grand Prix für Akt und Porträt beteiligt
1990: Nach der Wende vor allem beruflich bedingt Reportagefotografie; Foto als Hobby spielt nur noch eine Nebenrolle
1996: "Versehentliche" Vernichtung des alten Negativarchivs
2001: Mit der ersten Digitalkamera Rückkehr zum alten Hobby
seit 2001: wieder fotografisch tätig;Schwerpunkte Porträt, Landschaft, Reportage

Ausstellungsbeteiligungen

Jahr Ausstellung / Wettbewerb Bilder Erfolg
05/2000 "Frauengesichter 2000", Apolda Die Steuererklärung ausgestellt, Anerkennung
05/1989 VENUS '89 - 20. Internationaler Salon für Akt und Porträt (Kraków, Polen) Adagio II ausgestellt
04/1989 XVII. Bezirksfotoschau Rostock (Einladungsausstellung) Zyklus "Unterwegs", Sonntags II, Porträt
Heide, Saßnitz 1988
7x ausgestellt
Ehrenurkunde
10/1988 Rügensche Fotoschau, Bergen Der Bauer, Ausstellungseröffnung,
Selbstporträt
3x ausgestellt
1 Preis,
1 Anerkennung
05/1987 XVI. Bezirksfotoschau Rostock Durstig, Skulptur 2x ausgestellt
04/1987 23. Zagreb Salon, Zagreb, Jugoslawien Tennisspielerin ausgestellt
11/1986 2nd International Photo Club Exhibition ofr Art Photography (Riga, Lettland, UdSSR) Rockkonzert, Im Arbeitszimmer 2x ausgestellt
10/1986 Rügensche Fotoschau, Bergen Rockkonzert, Tennisspielerin ausgestellt
09/1986 Clubausstellung, Paris, Frankreich Das Modell ausgestellt
1986-88 Standortfotoschau der NVA, Prora diverse 30 Bilder ausgestellt
1 Sonderpreis,
2 Preise,
1 Anerkennung
1986-88 Lebensfreude, Wettbewerb, Rostock diverse 7x ausgestellt,
3 Anerkennungen
02/1986 Wanderausstellung Sczecin, Polen Das Modell ausgestellt
09/1985 XV. Bezirksfotoschau Rostock Hoch hinaus ausgestellt
05/1983 XIV. Bezirksfotoschau Rostock Rockkonzert ausgestellt
04/1982 V. Kreisfotoschau Zittau diverse 12x ausgestellt
08/1981 Internationale Kunstfotoausstellung Riga (Riga, Lettland, UdSSR) Das Modell ausgestellt
04/1979 VIII. Kreisfotoschau Meiningen o.T., Taktstock, Sänger 3x ausgestellt
03/1979 XI. Bezirksfotoschau Suhl Hoch hinaus ausgestellt

Wieder Amateur (2003-2010)

Eigentlich bin ich jetzt erst wieder da, wo ich einmal angefangen habe. Nach dem Kauf einer digitalen Spiegelreflex der Marke Canon fühle ich mich wie 1976, als ich mir vom Taschengeld die erste Praktika ersparte. Ich fotografiere ungeachtet meines Berufs wie ein Amateur in des Wortes bestem Sinne: wie ein Liebhaber. Ich freue mich, wenn ich schöne Motive entdecke und ich ärgere mich, wenn ich den ganzen Tag die Kamera umsonst herumschleppe. Freilich, mein Job als Redakteur einer Tageszeitung ließ mich zu einem Semi-Profi werden: auf rund 60-100 veröffentlichte "Pressefotos" im Jahr wären die Amateure vor der Wende ganz schön stolz gewesen. Ich bin mir auch schon lange nicht mehr sicher, ob die schönsten Aufnahmen während meiner Arbeit entstehen oder in meiner Freizeit. Aber macht das wirklich so einen großen Unterschied?? Im Gegenteil, oft muss ich schmunzeln, wenn mir wirkliche oder vermeintliche Tageszeitungs-Profis die Fotografie erklären wollen. Ist das schon Altersmilde, bin ich schon ein Dinosaurier? Aber mal im Ernst: Was bringt es, technischen Effekten hinterher zu laufen, wenn man ein paar Grundlagen nicht begriffen hat? Wenn man Gesichter mit einem Weitwinkelobjektiv aufnimmt, wenn man langweilige Bilder in der Hoffnung kippt, ihnen Spannung zu verleihen und wenn man immer und unbedingt etwas aus seinen Bildern "freistellen" will. Nennt mich altmodisch - aber für mich ist ein Foto ein zweidimensionaler Ausschnitt aus Raum und Zeit. Da gibt es keine Köpfe, die oben rausgucken, oder ähnlichen Schnickschnack. Das Ding hat vier Ecken und ist im Grunde immer ein Querformat - denn ganz genauso sehen wir auch. Mal ganz ehrlich - am liebsten würde ich noch immer ohne Kamera fotografieren.

2003-2010, das sind immerhin acht Jahre. Fünf Jahre mit meiner geliebten Canon, erst mit den Standard-Plastik-Objektiven, dann mit immer besserer Optik. Was ist in dieser Zeit Schönes entstanden? Durchforste ich mein Archiv, dann fallen mir - wieder und wieder - vor allem Porträts ein. Vermutlich liegt das daran, dass für mich der Mensch nach wie vor der interessanteste "Gegenstand der Betrachtung" ist - sowohl journalistisch als auch fotografisch.

Vom Ausstellungsgeschehen nehme ich bewusst Abstand. Heute freut man sich im Allgemeinen nicht mehr mit seinen Fotografen-Kollegen gemeinsam an einem schönen Bild, heute neidet man jeden Erfolg, verhöhnt einander und versucht, den anderen schlecht- oder kleinzureden - zu einer maßlosen Selbstüberschätzung kommt ein krankhafter Konkurrenzneid. Keine schöne Atmosphäre, um sich mit seinen Bildern zu zeigen. "Richtige" Ausstellungen bleiben demzufolge auch den wirklichen oder selbsternannten Künstlern vorbehalten. Ein besonders groteskes Beispiel lieferte hier in Apolda vor drei Jahren Karl Lagerfeld. Das Kunsthaus zeigte eine Fotoausstellung von ihm, die recht umstritten war, bewegten sich seine Fotos doch in einer großen Spannweite von banalen Polaroids bis hin zu wirklich guten Porträts. Der gottgleiche "Modezar" gab sich auch selbst die Ehre und besuchte die Glockenstadt. Mit im Gepäck seine kompakte Digitalkamera. Vom Eiermannbau aus und am Viadukt machte er ein, zwei Schnappschüsse. Und tatsächlich - nicht wenige erklärten jedes Foto für hohe Kunst, hat es doch schließlich der Meister persönlich gemacht. Früher ist so etwas beim Filmeinlegen passiert. Fürwahr - der Mann hätte im Kunsthaus in die Ecke urinieren können, einige hätten das auf der Stelle für Aktionskunst erklärt. Ein schönes Beispiel für des Kaisers neue Kleider.

Nun ist es nicht so, dass ich ausschließlich Porträts mag. Ich fotografiere auch gerne Reportagestrecken oder erzähle kleine Geschichten mit meinen Fotos. Außerdem sind es immer wieder Landschaften, die mich zum Staunen bringen und mich die Kamera zücken lassen. Im Folgenden ein bunt gemischtes Portfolio:

foto_wiederda_2003-2008_unten_01

Wärme für den Herrn, Auerstedt 2004

foto_wiederda_2003-2008_unten_02

Info-Schalter, Waterloo Station, London 2006

foto_wiederda_2003-2008_unten_03

Blick ins Moorental, Apolda 2005

foto_wiederda_2003-2008_unten_04

Blick ins Moorental, Apolda 2004

foto_wiederda_2003-2008_unten_05

Auf dem Markt, San Vincenzo 2005

foto_wiederda_2003-2008_unten_06

Vor der Osteria, Piombino 2005

Kunst und Kunsthonig (1985-1989)

13 Bilder

Heike VII, Sagard 1986


Adagio II, Prora 1989


Der Treffpunkt, Triptychon, Berlin 1986


Skulptur, Sagard 1986


Elzbieta, Szczecin 1987


Bauer, bei Szczecin 1987


ohne Titel, Saßnitz 1988


Porträt Heide, Bergen 1988


Ausstellungseröffnung, Saßnitz 1988


Durstig, Bergen 1986


Morgens II, Hermannsfeld 1987


Sonntags II, Mönchgut 1987


Mein Vaterhaus, Hermannsfeld 1987

Ist Fotografie Kunst? Es gibt wohl kaum eine andere Frage, über die in den achtziger Jahren in der DDR unter Fotografen so leidenschaftlich gestritten wurde, wie um die, ob Fotografie Kunst sei. Ich war mittendrin und das Streiten hat wahrlich Spaß gemacht. Die Ausgangslage war dabei gar nicht so einfach. Zum einen waren bislang alle Versuche gescheitert, auf welcher Ebene auch immer, einen Kunstbegriff zu definieren. Der Grund war systemimmanent: Kultur, und damit auch Kunst, hatten gefälligst dem Sozialismus zu dienen und den Massen zugänglich zu sein. Vor allem die Auseinandersetzung mit dem sogenannten Bitterfelder Weg ab Mitte der sechziger Jahre hatten zu einem Dualismus in der Kunst geführt: Zur sogenannten Volkskunst, die die Kreativität der breiten Massen fördern sollte und zu einer elitären Kunst, die sich in den Berufsverbänden wie dem Schriftstellerverband oder dem Verband Bildender Künstler manifestierte. Die Abkapselung ihrer Vertreter war verständlich, nur mit dem Status eines Verbandsmitglieds erhielt man Zugang zum Kunstmarkt. Und Verbandsmitglied zu werden, war ein schwerer Weg, der nur über eine oft mehrjährige Kandidatur im Verband führte. Bei der Fotografie kam noch ein anderer Aspekt hinzu: Der Beruf des Fotografen war in der DDR ein ausgesprochener Handwerksberuf. So kam es gewissermaßen zu einer Dreiteilung der Fotografie in Volkskunst, Handwerkskunst und bildende Kunst. Am Ende traf man sich auf Fotoausstellungen wieder und siehe da, wie sich die Bilder ähnelten. Das führte am Ende die Teilung ad absurdum.
Dennoch hatte es die Fotografie besonders schwer, als Kunst akzeptiert zu werden. So fand sich erst in der IX. Kunstaustellung der DDR im Jahr 1982 die Fotografie als eigenständige Abteilung.
Vermutlich lag und liegt diese hohe Akzeptanzhürde an der leichten Zugänglichkeit und der damit verbundenen starken Verbreitung des Mediums.

Warum stelle ich diese Überlegungen an den Anfang gerade dieses Kapitels? Vor allem, weil es tatsächlich diese Jahre waren, in denen ich wohl den intensivsten Kontakt mit der Kunstszene in der DDR überhaupt hatte.
Aber es waren auch meine fruchtbarsten Jahre mit der Kamera. Und das habe ich vermutlich Wolf Grünke zu verdanken. Wolf Grünke gilt als Nestor der Fotografie im Bezirk Rostock. Schon im Jahr 1960 wurde ihm von der Internationalen Föderation der Kunstfotografie (FIAP) der Titel Artiste FIAP (AFIAP) verliehen. Er hob die Foto-Biennale der Ostsee-Anrainerstaaten "ifo-scanbaltic" aus der Taufe, die ein kultureller Brückenschlag im kalten Krieg wurde. Eines Tages, ich glaube es war 1983 oder 1984, packte ich einen Stapel Bilder und besuchte ihn und seine Frau Lilo in ihrer kleinen schilfgedeckten Bauernkate in Pantow auf der Insel Rügen. Wir wurden auch auf familiärer Basis sehr enge Freunde, so dass der Kontakt noch über viele Jahre nach der Wende bestehen blieb. Ich durfte Wolf 1984 helfen, den schon lange eingeschlafenen "fotoclub binz" wieder zu reanimieren. Gemeinsam arbeiteten wir auch in der Kreiskommission der Gesellschaft für Fotografie. Er lehrte mich vor allem durch seine beharrliche Bildkritik, zu einer eigenen Bildersprache zu finden. Wolf Grünke starb im Jahre 1996.

In die Jahre 1985 bis 1989 fielen auch meine größten Ausstellungserfolge: Meine Bilder wurden in Polen, der Sowjetunion, in Jugoslawien und in Frankreich gezeigt. Besonders freute ich mich, als bei der Venus '89, dem Grand Prix für Akt und Porträt im polnischen Kraków, der Akt "Adagio II" gezeigt wurde. Den Sprung in die international stark besetzte Ausstellung schafften nur zwei DDR-Fotografen. Da war ich schon mächtig stolz ...

Ach ja: Ich selbst habe die Frage nach der Fotografie als Kunst in Diskussionsrunden, auch in öffentlichen, stets bejaht,: Wenn das Medium Fotografie in der Lage ist, Kunst zu transportieren und wenn das Individuum hinter der Kamera in der Lage ist, Kunst zu schaffen, dann kann die das einzelne Foto auch ganz selbstverständlich Kunst sein. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jedes Foto Kunst ist und es bedeutet noch lange nicht, dass jeder, der eine Kamera halten kann, ein Künstler ist.

Und warum die Überschrift dieses Kapitels? Nun, ich war in dieser Grundsatzdiskussion oft ein rechter Hitzkopf. Und bei einer Ausstellungseröffnung in Rostock gab es ein nettes Forum, dem sich "Kulturbundfotografen" (wie ich) und "richtige Künstler" den Fragen der Gäste stellten. Einer der Besucher fragte nach dem Unterschied zwischen Fotografie und Kunstfotografie. Ich antwortete: "Sehen Sie, sie kennen doch Kunsthonig ..." Natürlich hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Eines der anwesenden Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler hat daraufhin nie wieder ein Wort mit mir gewechselt. Sorry, Siegfried ...!

Ernste Absichten (1980-1985)

Weil ich meine Fotos für gut genug befand - und welcher ambitionierte Hobbyfotograf tut das nicht -, reichte ich meine Bilder bei den damals ziemlich beliebten Kreis- und Bezirksfotoschauen ein und beteiligte mich weiter fleißig an den Monatswettbewerben des "Fotokino-Magazins". Die ersten Male freilich erfolglos.
Doch Schritt für Schritt wurden meine Bilder - auch rückblickend gesehen - tatsächlich ein bisschen besser und irgendwann lief es dann "wie von selbst". Fotograf zu werden war plötzlich ein attraktives Lebensziel, ließ sich aber mit meinem einmal eingeschlagenen Berufsweg nur schwer verwirklichen - zumindest nicht kurz- oder mittelfristig. Also bemühte ich mich um den Status des ernsthaften und ernst zu nehmenden Amateurs. Ich studierte fleißig die alten und neuen Meister der Malerei, die kunsttheoretischen und die praktischen Unterschiede von Malerei und Fotografie, die spezifischen Gestaltungsmöglichkeiten und die Grenzen der verschiedenen Kunstformen. Ich fing sogar an, ungarisch zu lernen, um eine Fachzeitschrift aus Budapest, die sich in ihren Schwerpunkten dem Akt und dem Porträt widmete, lesen zu können. Dabei stieß ich rasch an Barrieren dieser schwierigen finnugrischen Sprache, denen im Selbststudium nicht beizukommen war.
Ich trat mit der Bildredakteurin des "Magazin" zwecks Streitgespräch in einen monatelangen Briefwechsel und hielt Vorträge über die Fotografie. Das war eine spannende Zeit, in der es mir mit dem fotografischen "Wachstum" gar nicht schnell genug gehen konnte. Doch schließlich wurde ich akzeptiert . Meine Bilder wurden auf Ausstellungen gezeigt und auch die Weiterbildung trug Früchte: Ich gehörte zu den Mitbegründern der Gesellschaft für Fotografie im Bezirk Dresden, wo ich damals studierte.

Meine fotografischen Schwerpunkte blieben unverändert: Ich liebte das Porträt, versuchte mich in der Aktfotografie - allerdings mit Ergebnissen, die ich heute lieber nicht mehr zeige -, fotografierte Landschaften und auch ein bisschen Reportage. Bedingt durch den Einfluss meines früheren Mentors Walter Hinghaus gelangen mit auch einige ganz passable Bühnenfotos.
Auch technisch gab es eine Veränderung: Ich sparte mir 1981 eine Mittelformatkamera Pentacon six zusammen, die aufgrund der immens großen Negativfläche von 6x6 cm (3600 Quadratmillimetern) eine entschieden differenziertere Grauwert- und höhere Detailwiedergabe ermöglichte (zum Vergleich: das Kleinbildformat kommt mit seinen 24x36 mm gerade mal auf 864 Quadratmillimeter). Dafür waren auch der Ausbau des Kamera-Equipments entsprechend teuer und vor allem ziemlich schwer. Bis zum Verkauf der "Six" arbeitete kam ich mit einem 2,8/80-mm-Biometar und mit einem 2,8/180-mm-Sonnar aus.

Erste Erfolge (1977-1979)

In Dresden, 1978Nie hätte ich gedacht, dass mir die Praktica L2 zwanzig Jahre lang gute Dienste leisten sollte. Aber mit meiner fotografischen Unschuld war es ab sofort und für alle Zeiten vorbei. Jeden Monat verschlang ich die "Fotografie" und das "Fotokino-Magazin" - die beiden einzigen Fachzeitschriften zur Fotografie, die in der DDR erschienen. Schon bald kannte ich die Namen erfolgreicher Fotografen der Vergangenheit und Gegenwart, aktuelle Trends in der Fotografie und der Fototechnik. Stück für Stück baute ich mir zudem eine kleine Fachbibliothek auf, die bis zur Wende auf rund 200 Broschüren, Bücher und Bildbände anwuchs - vom kleinen Heft über die richtige Filmentwicklung bis hin zu prachtvollen Bildbänden, die auch schon damals schnell mal 50 Mark und mehr kosteten und einen Großteil meines Budgets als Lehrling bei der Reichsbahn verschlangen. 1977 richtete ich mir - zum Leidwesen meiner Eltern - eine Dunkelkammer ein. Mangels eines richtigen Zimmers wurde die geräumige Küche meines Vaterhauses mit Beschlag belegt. Eine Wolldecke vor dem Fenster sorgte für die notwendige Verdunkelung, doch meist arbeitete ich sowieso abends oder nachts in der Dunkelkammer. Weil ich ziemlich früh mit dem Rauchen anfing und die Dunkelkammer aus leicht nachvollziehbaren Gründen freilich nicht gelüftet wurde, musste ich meinen Eltern ganz schön auf die Nerven gefallen sein - und danke ihnen heute für ihre Geduld!

Die Anfänge meiner "Fotokarriere" verliefen rückblickend gesehen ziemlich beschaulich. Ich fotografierte meine Mitlehrlinge, ich freute mich, die Hochzeitsfotos für eine Erzieherin in unserem Lehrlingswohnheim machen zu dürfen, war mit dem Segen meiner Berufsschule im Einsatz bei Sportfesten und durfte sogar eine fotografische Dienstreise nach Berlin machen, wo ich eine Foto-Dokumentation zu dem von den Nazis hingerichteten Kommunisten Erich Steinfurth, dessen Namen unsere Schule trug, erarbeitete. Das brachte mir eine Urkunde ein und den Ruf, "richtig" fotografieren zu können.

Voller Mut machte ich mich an meine erste eigene Ausstellung. Den Vergleich mit anderen scheute ich noch, zwei drei Beteiligungen bei den Monatswettbewerben des "Fotokino-Magazins" mal ausgenommen. Dafür zeigte ich in der "Galerie des Lehrlingswohnheims" meine Ausstellung: "Kinder sehen dich an". Das Projekt wurde zumindest von meinen Mitlehrlingen gehörig bestaunt.

Ich war fast immer Autodidakt. Mein erster Mentor war 1977-1979 der Bühnenfotograf Walter Hinghaus vom Meininger Theater. Der Mann war damals durchaus eine kleine Berühmtheit. International bekannt wurde er duch sein mehrfach preisgekröntes Porträt der französischen Chansonette Juliette Greco. Unter Hinghaus' behutsamer Anleitung verlor ich schnell die Angst vor dunklen Tönen. Eine Bildaussage zu verdichten, indem man dem Bild Informationen entzieht, stellt einer der größten Reize der Schwarz-Weiß-Fotografie dar. Die meisten fotografierten Schwarz-Weiß, weil Farbfilme sehr teuer und sehr schlecht waren. Zudem lernte ich, das Korn der Filme von hoher Empfindlichkeit ganz bewusst als Gestaltungsmittel einzusetzen.

Die Anfänge (1972-1976)

Wir schreiben das Jahr 1972. Der kleine Klaus bekommt von seinen Eltern eine Certo SL 100 geschenkt. Sie wurde mit sogenannten SL-Kassetten bestückt und war ein Stück Plaste mit Festbrennweite und zwei oder drei Blendenstufen. Meine Foto-Motive blieben kindgerecht - meine zuckerkranke Schwester, wie sie in den Zug steigt, um auf Rügen auf Medikamente eingestellt zu werden, unsere Katze "Schwarznase", die Waldlichtung in der Fasanerie, wo ich aufwuchs. Viel mehr ging nicht, viel mehr wollte ich auch nicht. Oder? Ich weiß nicht, wann ich Sehnsucht nach einer "richtigen" Kamera bekam. Möglich, dass daran mein Onkel nicht ganz unschuldig ist. Dessen Ehrgeiz war es, mit seiner Exakta-Spiegelreflex Aufnahmen zu machen, die ganz dicht an die klassische Postkarte herankamen. Außerdem hatte er eine eigene Dunkelkammer, das reizte mich zugegebenermaßen auch.

Irgendwann legte ich Mark um Mark von meinem Taschengeld zurück (wen es interessiert: Mit 12 Jahren bekam ich 50 Pfennige in der Woche, mit 15 dann 20 Mark im Monat - das ist wahre Inflation). Und im Mai 1976 kaufte ich mir eine Spiegelreflexkamera Praktica L2, wobei ich mir die Hälfte des Geldes immer noch beim meinen Eltern "leihen" musste. Ihren ersten Einsatz bestand die Kamera bei einem Kurzurlaub mit meiner Mutter in Berlin, wo mich der gerade fertiggestellte Palast der Republik nicht die Bohne interessierte, dafür aber die Citroens und die Chevrolets, die immer irgendwo in der Nähe der Botschaften parkten.

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